Wort für Wort

Auf dieser Seite finden Sie sporadisch einen Text, der Gedanken zum Leben/zur Kunst enthält. Bei Bestellung eines Newsletters ist der aktuelle Text inkludiert. Danke für Ihr Interesse.

Anmeldung Newsletter

Umverkehrt

Nicht, dass es nicht mit nicht rechten Dingen zuginge. Oftmals! Nicht, dass die Dinge nicht verkehrt herum grad anders wären. Zumeist! Es hat doch seinen Reiz: das Drehen und Wenden, die Suche nach dem Verborgenen, dem Dahinterliegenden. Ob Halb- oder Vierteldrehung, es verdreht die Augen, den Kopf, die Sinne. Ein Hinterfragen ist aber nicht immer erwünscht, ganz besonders nicht in geschlossenen Systemen, die auf Gedankengängen aufbauen, die alles erklären (oder zumindest vorgeben, alles schlüssig erklären zu können). Auf diese Art der Begrenzung folgt sehr oft Eingrenzung, Umzäunung, ein Denken im Kreis. Höchst gefährlich! Lebensgefährlich meinen die Depressionsforscher! Ein Kreis hat nun mal keine Abzweigungen. Derjenige, der sich im Kreis bewegt, findet nicht heraus und umgekehrt findet derjenige, der sich außerhalb des Kreises bewegt, nicht hinein. Manchmal kommt es so weit, dass der Kreis, in dem man sich selbst bewegt, als die einzige reale Welt erlebt wird. Viele Gedankenmodelle bauen darauf auf. Dinge, die nicht hineinpassen, werden umgeformt, abgewertet oder verleugnet.

Manchmal sind sich Systeme so ähnlich, dass sie das Gleiche meinen, aber nur unterschiedliche Begriffe dafür verwenden. Nur dumm, dass sie sich meist gegenseitig bekriegen. Um das Thema nicht weiter einzukreisen, sondern auszuweiten möchte ich auf einen der vielen Denker verweisen, der es wagte, ein neues Gedankengebäude zu errichten, nämlich Charles Darwin, der sich vom Schöpfungsgedanken weg bewegte hin zur Evolutionstheorie. Dabei wird klar, dass ein Heraustreten aus Kreisen sehr wohl möglich ist. Natürlich bewegen sich solche, denen etwas auffällt und die ihre Gedankengänge aufzeichnen, auf dünnem Eis, denn sie rütteln an Gerüsten, die oft hierarchisch aufgebaut sind und den Mächtigen zu entmachten drohen. Doch der Mensch sucht nach Erklärungen und fragt und fragt und findet eine Antwort, die nur noch mehr Fragen aufwirft.

Auch Sigi, scheint’s, hatte viel begriffen und daher auch begrifflich gemacht mit seinen Abwehrmechanismen, aber drehte er sich damit nicht selbst oft im Kreis? Wenn der eine Abwehrmechanismus zur Erklärung einer Neurose nicht taugte, musste eben ein anderer herhalten. Irgendeiner passte immer. Verdächtig. Spitzenreiter war vermutlich die Verdrängung. Im Grunde liebe ich sie ja alle. Es gibt einem das gute Gefühl für die eigene Misere die Kindheit verantwortlich machen zu können und das für lange, lange Zeit. Das geht sogar so weit, dass eine paradiesische Kindheit (wie ich kürzlich in Ö1 hörte) zu einer extrem pessimistischen Weltanschauung führen kann. Nun weiß ich auch, wo meine Einstellung, dass am Ende doch alles gut wird, herkommt. Und für alle, die eine paradiesische Kindheit hatten: wer sagt denn, dass man die Dinge immer drehen muss und falls doch, warum nur einmal? Erst, wenn kein Drehen und Wenden mehr hilft, wird es Zeit, eine neue Platte aufzulegen. Denn das gibt es ja auch noch: das Neue, das unberührte Land, den ungeträumten Traum, das, woran noch kein Mensch gedacht hat, so etwas, wie eine unvorstellbare Weite.

 

Passen Sie auf sich auf,

Ihre Alisonn